Achterbahnfahrt für Unicorns Coach Cody Pastorino


„Das war eine ganz schöne Achterbahnfahrt“, erklärt Schwäbisch Hall Unicorns U16 Coach Cody Pastorino im U MAG Jahresrückblick.  

 

 

Cody Pastorino, Schwäbisch Hall Unicorns
Cody Pastorino
Foto: Manfred Löffler

Im Jahresrückblick 2020 steht GFL-Spieler und Coach Cody Pastorino Julia Brenner Rede und Antwort über die Corona-Phase, seine verschobene Hochzeit, sein Engagement im Nachwuchsbereich der Unicorns und die Geschichte, wie Schwäbisch Hall über Umwege seine Heimat wurde.

 

Mitte März dieses Jahres: Der erste Corona-Lockdown erreicht uns. Wie hast du diese Zeit erlebt? 

Cody Pastorino: Aus sportlicher Sicht war es eine ganz schöne Achterbahnfahrt. Zu Beginn des Lockdowns hatte ich keine Hoffnung, dass es 2020 noch eine Saison geben würde. Als die Zahlen runtergingen, war ich dann plötzlich positiv gestimmt - am Ende hat es dann doch nicht mehr geklappt mit der GFL. Aber umso glücklicher war ich, als die Freigabe für die U16-Saison kam, das hätte ich nicht mehr erwartet und hat mich für die Kids sehr gefreut.

 

Durch den Lockdown mussten die Unicorns kurzerhand ihren gesamten Trainingsbetrieb einstellen. Was bedeutete es für dich, komplett auf die Football-Aktivitäten zu verzichten und wie hast du das kompensiert?

Als ich einige Zeit vor dem deutschen Lockdown durch unseren Mitspieler Niko Knoblauch gesehen habe, was in Italien passiert und dass er das Haus schlichtweg nicht mehr verlassen durfte, habe ich angefangen, mir auf eBay verschiedenes Fitness-Equipment anzuschaffen. Ich wusste: Wenn das auch bei uns so kommt wie in Italien, dann muss ich vorbereitet sein, um zuhause irgendwas tun zu können und nicht verrückt zu werden. So war ich in der glücklichen Lage, jeden Tag zuhause trainieren zu können - und ehrlich gesagt wurden meine Workouts zu Ganz-Tages-Einheiten (lacht). Aber das war schon ein großer Einschnitt - schließlich ist Football mein Job!

 

Auch in privater Hinsicht war der Frühling frustrierend für dich - im April wolltest du eigentlich  deine langjährige Freundin Melanie heiraten.

Das war der Plan - wegen Corona mussten wir die Hochzeit leider um ein Jahr verschieben. Wir haben uns dazu schon zwei Wochen vor dem Lockdown entschlossen, weil es unrealistisch wurde, dass meine Familie und Freunde aus den USA herkommen können. Im Nachhinein waren wir froh über die Entscheidung - dass dann offiziell alles abgesagt wurde, hat geholfen, das Ganze zu akzeptieren. Aber zugegeben, das war sehr enttäuschend für uns. Jetzt hoffen wir einfach, dass nächsten April alles klappt.

 

Man sagt ja, Krisen bieten immer auch Chancen. Viele Menschen haben beispielsweise neue Hobbies für sich entdeckt. Du auch?

Bei mir war es das Mountainbike fahren. So konnte ich das fehlende Adrenalin etwas ersetzen und meinen Körper auf Trab halten (get the Juices flowin), während ich nicht ins Training gehen konnte. Ansonsten habe ich auch einige Projekte angepackt, für die vorher nie Zeit war. Dabei rausgekommen sind zum Beispiel ein Picknicktisch und eine Garderobe, die ich jeweils aus Holz gebaut habe. Normalerweise habe ich diese „normalen“ Samstage nicht: Samstag GFL-Spiel, Sonntag-Jugendspiel - da fühlten sich die freien Wochenenden am Anfang komisch an (lacht).

 

Du hast die Achterbahnfahrt bereits erwähnt. Wie hart war es als Spieler, die Hoch- und Tiefphasen während des Jahres mitzumachen?

Es war echt schwierig, weil wir nie wirklich planen konnten. Entscheidungen wurden angekündigt und dann doch wieder vertagt und so war es eigentlich unmöglich, eine richtige Vorbereitung zu starten. Das Schlimmste war, dass es sich so in die Länge gezogen hat - mir wäre eine frühere Gewissheit lieber gewesen. Dennoch war es natürlich schön, zwischendrin wieder ins Training gehen zu können und die Einheiten zu nutzen, um besser zu werden.

 

Immerhin ein paar wenige Spiele durften die Unicorns Junior-Teams 2020 absolvieren. Welchen Wert hatten die insgesamt fünf U16-Partien - und übrigens auch fünf Siege - so für dich als Head Coach?

Für mich war es eine der bedeutsamsten Spielzeiten in meiner Karriere - wie die Kids mit der Situation umgegangen sind, war für mich sehr inspirierend. Nach dem Lockdown habe ich erst einmal ein kontaktloses Lauftraining angeboten, um in Form zu kommen. Die Resonanz war überragend und das den gesamten Sommer inklusive Ferien - obwohl noch nicht klar, ob wir überhaupt spielen dürfen. 35 Kids war unsere niedrigste Trainingsbeteiligung. Und dann kam es tatsächlich so, dass wir fünf Spiele bestreiten durften und auch alle fünf dominiert haben. Das war eine Belohnung für alle und der Beweis, dass sich harte Arbeit auszahlt. Leider wurde uns offiziell noch nicht die Meisterschaft zugesprochen - ich würde es den Kids sehr wünschen, dass das noch passiert.

 

Du bist gemeinsam mit Jordan Neuman für die Unicorns Academy verantwortlich. Wie sehen deine Aufgaben aus und was bedeutet dieses Nachwuchsprogramm für dich?

Es ist wirklich beeindruckend zu sehen, wie die Unicorns Academy wächst - mittlerweile sind über 30 Kids dabei. Meine Hauptaufgabe ist die Betreuung der Defense, entweder im Klassenzimmer, wenn wir uns das Trainingsvideo anschauen, oder auf dem Feld beim Training. Für mich macht sich die zusätzliche Trainingszeit bei den Academy-Kids dieses Jahr deutlich bemerkbar. Nach zwei, drei Jahren haben sie nun ein großartiges Spielverständnis und sind physisch deutlich weiter. Ich bin überzeugt davon, dass die Unicorns als Organisation davon enorm profitieren werden - jetzt und in Zukunft umso mehr.

Du arbeitest bei den Unicorns sehr viel mit Jugendlichen. Hast du den Spaß daran in Schwäbisch Hall entdeckt?

In den USA habe ich als Coach viele Sommer-Camps mit Jugendlichen betreut. Schon damals war für mich klar, dass ich sehr gerne die jüngeren Kids betreue und hier in Schwäbisch Hall hat sich das verfestigt, als ich schon in meinem ersten Jahr als Jugendcoach dabei war: Die U16 ist mein Favorit zum Coachen. Die Jugendlichen sind mitten in der Wachstumsphase - du hast einen 14-Jährigen, der viel an sich arbeiten muss und mit 16 wird er zu deinem besten Spieler. Die Weiterentwicklung in nur zwei Jahren ist toll zu sehen und ich bin froh, ein Teil davon zu sein. 

Noch ein kurzer Rückblick auf das Jahr 2014: Mit 23 Jahren kommt Cody Pastorino frisch vom College zu den Unicorns. Hättest du dir damals träumen lassen, dass Schwäbisch Hall zu deinem Lebensmittelpunkt werden würde?

Nein, überhaupt nicht - ich bin ja nur über Umwege nach Schwäbisch Hall gekommen. Der Plan war eigentlich, 2014 in Österreich zu spielen. Doch die Austrian Football League hatte kurzfristig ihre Importregeln verändert, sodass für mich kein Platz mehr war. In einem Telefonat mit Wiens Coach Chris Calaycay fiel dann der Name Jordan Neuman, der erst im Vorjahr aus Wien zurück nach Schwäbisch Hall gegangen war. Aber selbst als ich den Vertrag bei den Unicorns unterzeichnet hatte, dachte ich noch, dass ich von da aus schnellstmöglich nach Österreich wechseln möchte. Und dann kam alles anders - mein Papa hat das beim Abschied schon vorhergesagt: Ich glaube, der kommt nie wieder zurück. Da hatte er wohl Recht. (lacht)

Wann hast du realisiert, dass Schwäbisch Hall mehr ist als eine kurze Zwischenstation?

Ich habe die Zeit in Schwäbisch Hall von Beginn an genossen - die Organisation, das Team, die Stadt - alles hat gepasst. Als ich dann das Angebot für einen Job an einer Schule bekommen habe, war klar, dass ich über die Saison hinaus bleiben werde und die ganzen Pläne mit Österreich waren dahin. Es ist rückblickend einfach verrückt, wie ein Anruf - die Absage aus Österreich - mein ganzes Leben verändert hat. Jetzt ist Hall meine Heimat und hier habe ich meine Zukünftige gefunden.

Zu guter Letzt schauen wir noch nach vorne: Mit welchen Gefühlen gehst du in das Jahr 2021?

Ich bin sehr gespannt, was uns 2021 erwartet. Ich gehe schwer davon aus, dass wir nächstes Jahr spielen dürfen und wir werden bereit dafür sein. Ich hatte schon dieses Jahr vor dem Lockdown das Gefühl, dass uns eine tolle Saison als Team bevorsteht und will diese Mannschaft endlich zusammen spielen sehen. Und dann freue ich mich persönlich natürlich auf unsere Hochzeit, die wir im April hoffentlich feiern dürfen.

 

Über Cody Pastorino

Nach seinem Abschluss an der Willamette University in Oregon stieß der 29-Jährige US-Amerikaner im Jahr 2014 zum Team der Schwäbisch Hall Unicorns. Mittlerweile ist der Passverteidiger Team Captain des GFL-Teams und hat in den bisherigen sechs Spielzeiten mit den Unicorns in jedem Jahr den Einzug in den Germanbowl erreicht sowie zwei deutsche Meistertitel gewonnen. Neben seiner aktiven Karriere als Spieler ist Pastorino als Head Coach der Unicorns U16 sowie Trainer der Unicorns Academy aktiv.

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